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    Die Schneekönige vom Tivoli PDF Drucken E-Mail
    Geschrieben von: Uwe   
    Dienstag, den 21. Februar 2012 um 11:40 Uhr

    alemanniaaachen

    Sonntagmittag, kurz vor halb zwei, alle Augen richten sich auf den Spielertunnel, aus dem heraus jeden Moment zwei hoch motivierte Teams den Platz betreten werden, um in zweimal 45 Minuten drei wichtige Punkte für die eigene sportliche Zukunft und gegen den drohenden Abstieg in die Bedeutungslosigkeit zu erkämpfen. Auf beiden Seiten stehen Spieler, die von ihren erfahrenen Trainern nach zuletzt annehmbaren Leistungen und Ergebnissen taktisch und kämpferisch darauf vorbereitet wurden, sich für ihren Verein gegen einen unmittelbaren Konkurrenten zu zerreißen, zu beißen und, wie sie selbst immer gern betonen, „alles zu geben", das sind sie ihren Fans – egal ob die Schals nun gelb/schwarz oder weiß/blau sind – einfach schuldig.

    So weit die Theorie.

    Die laut Ansage knapp über 14000 Zuschauer warten jedoch vergebens auf den Einlauf der Mannschaften. An ihrer Stelle kommen immer mal wieder kleine Personengrüppchen aus den Katakomben, schreiten mit bedeutsamen Blicken und Gesten auf die Spielfläche und verschwinden dann wieder. Inzwischen ist die geplante Anstoßzeit bereits überschritten, aber es tut sich nichts. Informationen gibt es keine, so dass sich allmählich Unruhe auf den Rängen ausbreitet. Irgendwann meldet sich der Stadionsprecher dann doch zu Wort und gibt bekannt, dass der Schiedsrichter den Anstoß zunächst „auf unbestimmte Zeit" verschoben habe.

    Was war geschehen? Zwei Stunden vor Spielbeginn hatte es plötzlich zu schneien begonnen (und das mitten im Winter, unerhört!), so dass das Spielfeld in kurzer Zeit von einer mindestens zwei Zentimeter dicken Schneedecke überzogen war. Zum Glück hatten die Spieler noch genügend Zeit, sich schon bei der Erwärmung auf den nun etwas schwieriger zu bespielenden Boden einzustellen, was ihnen von außen betrachtet auch problemlos möglich war. Bei den üblichen Ballbesitzspielchen „Fünf gegen Fünf" ließ sich auf beiden Seiten jedenfalls keiner etwas anmerken, auch der sichere Stand auf dem Rasen schien niemanden zu überfordern. Hansa-Torwart Kevin Müller absolvierte das gewohnte Vorspiel, wenn auch außerhalb des Strafraumes, um den Platz noch etwas zu schonen. Beim abschließenden „Einschießen" der Startelf von der Strafraumgrenze gingen wie immer 80 Prozent der Bälle am Tor vorbei. Mit anderen Worten – alles deutete auf ein ganz normales Spiel, wenn auch bei etwas unangenehmeren, jedoch keineswegs irregulären äußeren Bedingungen hin, die ohnehin ja für beide Mannschaften zutrafen.

    Während der Schiedsrichter das wohl ähnlich beurteilte und das Spiel wie geplant anpfeifen wollte, sahen das zumindest die beiden Trainer komplett anders und hatten sich auch schon darauf verständigt, „... das Spiel ausfallen zu lassen und zu einem späteren Zeitpunkt nachzuholen", wie Wolfgang Wolff nach dem Spiel sagte. Sein Aachener Kollege und langjähriger Freund Friedhelm Funkel schlug in dieselbe Kerbe: „Ein reguläres Fußballspiel war auf diesem 'Geläuf' schlichtweg nicht möglich." Die Spieler beider Mannschaften wollten dann auch nicht auflaufen und unser Torwart Kevin Müller rätselte im Gespräch mit fc-hansa.de, warum der Schiedsrichter später dann doch das Spiel angepfiffen hatte, denn immerhin ist „der Schnee [...] am Ball haften geblieben und hat ein reguläres Fußballspiel sehr schwierig gemacht."

    An dieser Stelle muss ich jetzt allerdings mal energisch dazwischen grätschen (ja, ich weiß, macht man bei dem Wetter nicht). Der Schnee ist haften geblieben?! Hallo, geht's noch?! Ich kenne Fußball noch aus einer Zeit ohne Rasenheizungen und in dachlosen Stadien, wo bei jedem Wetter gespielt wurde, sofern dem nicht gerade sintflutartige Regengüsse, undurchsichtiger Nebel oder arktische Schneestürme entgegenstanden. Im Gegenteil, in der Gegend, in der ein Teil der Wurzeln unseres Vereins liegt, waren 20 Zentimeter Neuschnee ein seitens der Heimmannschaft willkommenes und von mit Schnee weniger vertrauten Gästen gefürchtetes Element der Spieltaktik. Natürlich ist die Entwicklung seitdem nicht stehen geblieben und den heutigen Ballartisten sei es gegönnt, auf sattem, frischem Grün ihr perfektes Kurzpassspiel bis zum Erbrechen zu zelebrieren, wenn es denn die äußeren Bedingungen zulassen. Ansonsten heißt die Devise Kämpfen und Siegen.

    Das muss man sich mal vorstellen: Wir stecken mitten im Abstiegskampf und bekommen eine Woche nach einem überlebenswichtigen Sieg gegen einen unmittelbaren Konkurrenten das nächste „Kellerkind" vor die Flinte. Und statt das sprichwörtliche Zeichen zu setzen, fällt den Jungs nichts anderes ein, als gemeinsam mit dem Gegner lieber wieder ins Warme zu gehen, weil auf dem Platz zwanzig Zentimeter Schnee liegen - nebeneinander?! Was sind das nur für Zeiten? Vielleicht sollten Trainer und Offizielle, wenn sie so große Einigkeit verspüren, gemeinsam für eine längere Winterpause eintreten, dann braucht kein Spieler mehr zu frieren und wir Fans müssen nicht befürchten, sonntags schnell mal 1200 Kilometer für nichts abzureißen, während das Nachholspiel dann irgendwann dienstags um 17 Uhr angesetzt wird.

    Während wir auf den Rängen noch wahlweise dem Schiedsrichter oder dem Aachener Platzwart die Schuld zuweisen, bietet sich auf dem Platz ein bizarres Schauspiel. Zwei tapfere Recken, bewaffnet nur mit je einem Schneeschieber nehmen beiderseits der Mittellinie den Kampf gegen die Naturgewalten auf. Dabei legen sie ein Tempo vor, bei dem – vorausgesetzt, es fällt nicht noch mehr Schnee – innerhalb von höchstens vier Stunden auch die letzte widerspenstige Schneeflocke des Feldes verwiesen sein sollte.

    Um den Pöbel auf den Rängen in der Zwischenzeit bei Laune zu halten, erklingen aus den Lautsprechern ganz gruselige Karnevalsschlager, zu denen weite Teile des Heimpublikums infantil herum hampeln. Scheiße, die „fünfte Jahreszeit" hatte ich ja bisher erfolgreich aus der bewussten Wahrnehmung verdrängen können. Andere hatten da nicht so viel Glück, zwei bedauernswerte, arglose Opfer haben sich am Spieltag mit dem tückischen Virus angesteckt und laufen nun in Superman-Kostümen im Gästebereich herum. Über ihr weiteres Schicksal wurde nichts bekannt, ich hoffe, sie konnten gerettet werden. Das Fernsehpublikum bei Sky wälzt sich unterdessen zum Live-Kommentar von Uli Potofski lachend auf dem Boden – habe ich jedenfalls gehört.

    Kurz vor 14 Uhr, die Schneeschieber-Brigade besteht inzwischen aus fünf Mann und hat bereits einen etwa zwei Meter breiten Streifen freigelegt, kommt dann die erlösende Durchsage: „Hört doch mal auf zu pfeifen, es wird ja gespielt.", was Frau Holle dazu inspiriert, eine weitere Ladung Schneeflocken hinab zu senden. Aber die Gute macht nur Spaß, Weiber müssen immer das letzte Wort haben. Egal – der Schiedsrichter checkt ein letztes Mal die Wintersportlage: Ski und Rodel gut, jetzt wird gespielt.

    Das Spiel beginnt, nach wenigen Minuten wird deutlich: Hansa hat die äußeren Bedingungen schneller angenommen und den Kampf akzeptiert. In einer (unter Berücksichtigung der Umstände) natürlich zerfahrenen Partie bleiben spielerische Höhepunkte die absolute Ausnahme, durchdachte Aktionen mit torgefährlichem Abschluss gibt es kaum. Die Hansa-Hintermannschaft steht diesmal recht sicher, sieht man von zwei/drei beängstigenden Aussetzern ab. Glück haben wir kurz vor der Pause, als Auer im Strafraum gegen Kevin Müller zu Fall kommt, der befürchtete Elfmeterpfiff jedoch ausbleibt. Aus 100 Metern Entfernung sah es sehr streng nach Strafstoß aus, aber wir vertrauen einfach mal dem Schiedsrichter, der ja sowieso die bessere Sicht hat. Bei seiner Entscheidung über die Spieldurchführung hat er ja auch richtig gelegen. Es gibt nicht viele Schiedsrichter, die in Becherweite vor der Heimkurve so viel Courage zeigen.

    Stichwort Heimkurve: Eigentlich können sich Fans, die so eine große Stehtribüne hinter dem Tor ihr Eigen nennen, glücklich schätzen. Aufgrund der Spaltung der Aachener Szene stellt sich die Heimtribüne aus Supportersicht vor allem als riesige Platzverschwendung dar: So viel Raum und so wenig Lautstärke. Wenn man dann noch überlegt, was früher am Tivoli los war – sehr traurig zu sehen, wie dieses Potenzial ungenutzt in der Gegend herum steht.

    Leider haben wir derzeit genug eigene Probleme, die natürlich auch den Support in Aachen belasten. Wie schon in Bochum, kann der Block ein paar mal oldschoolmäßig andeuten, was bei geschlossener Beteiligung in diesem Stadion möglich ist – die großen Auswärtsauftritte gehören aber bei uns auch erst mal der Vergangenheit an.

    In der zweiten Halbzeit – mittlerweile verirrt sich sogar der eine oder andere Sonnenstrahl zum neuen Tivoli – kommt Hansa zu ein paar Einschussmöglichkeiten, der Ball will aber einfach nicht gehorchen. Da es auch die Aachener nicht besser können und Kevin Müller bei deren bester Aktion in letzter Sekunde gegen Streit klären kann, bleibt es am Ende beim leistungsgerechten 0:0.)

    Hansa kehrt immerhin mit einem Punkt vom Wintersport zurück, hat außerdem endlich mal wieder zu Null gespielt und ist jetzt schon zwei Spiele ohne Niederlage. Na also, wer sagt's denn? Geht doch! Nun bitte nachlegen, mit dem nächsten Gegner sind mehrere Rechnungen offen.

    Hansa!

     

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