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„Es fährt ein Zug nach nirgendwo mit mir allein als Passagier ..."
Na gut, ich bin nicht wirklich allein. Die Fanszene Rostock hat einen Sonderzug organisiert, mit dem man für unschlagbare 25 Euro zum Spiel in Bochum reisen kann – ins Ruhrstadion, das wie kaum eine anderes den Mythos Hansa Rostock verkörpert. Einen geeigneteren Platz zum Start der großen Aufholjagd kann es eigentlich nicht geben. Aber es soll wohl einfach nicht sein.
Bei eisiger Kälte, selbst die heimische Tiefgarage schafft nur mickrige – 4 Grad, startet das Unternehmen Klassenerhalt 2012 am Hauptbahnhof der Landeshauptstadt. Als ersten emotionalen Höhepunkt hält das Abenteuer Schienenstrang die Polizeikontrollen vor dem Bahnsteig bereit. Irgendwie muss man ja die Zeit bis zur Abfahrt noch überbrücken. Ein überaus netter Beamter fragt, wohl um das Eis zu brechen (haha, bei minus 12 Grad!): „Haben Sie etwas dabei?" – „Was brauchst du denn?" denke ich, sage aber: „Nur das Nötigste. Eigenbedarf, aber bedienen Sie sich ruhig." Sage ich natürlich auch nicht, man muss schließlich aufpassen bei all den Bullen um einen herum. Ich bin einfach still, breite die Arme aus und lasse die gewohnte Abtastprozedur über mich ergehen, während neben mir unser Fotograf Basti bei der peniblen Durchsuchung seiner Fototasche gerade belehrt wird: „Sie können jetzt noch alles freiwillig abgeben." – Ja, klar, das könnte euch so passen. Nichts gibt's, so dicke haben wir es auch nicht, dass wir hier Geschenke machen. Sie finden NATÜRLICH nichts – weder bei mir, noch bei Basti.
Auf dem Bahnsteig angekommen, heißt es erst mal wieder zu warten, denn der Zug ist bereits mit Verspätung aus Rostock abgefahren. Normalerweise müsste man wieder in die Halle gehen, da sind die Temperaturen deutlich angenehmer, aber das würde bedeuten, danach wieder die nervige Kontrolle zu passieren. Also – Zähne zusammenbeißen und durchhalten. Dann fährt der Zug endlich ein, zielstrebig steuern wir die ersten drei Waggons an, die wurden für die bei den planmäßigen Halten Zusteigenden freigehalten, jedenfalls war das der Plan. Aber schon bei Einfahrt des Zuges sind kaum freie Plätze zu erkennen, vielleicht hatte man sich beim Verkauf der Zugtickets verzählt? Dank vorausschauender Reiseplanung (zwei Sveriner sind ab Rostock an Bord) kommen wir aber im ersten Waggon unter und genießen von nun an die Gesellschaft des Partyvolkes aus Neubukow, Blowatz und anderen Metropolen.
Unsere Reisegefährten müssen schon seit dem frühen Sonnabend fleißig an ihrem Pegel gearbeitet haben, entsprechend lautstark verlaufen die Unterhaltungen von einem Abteilende zum anderen, manchmal schreien sich alle gleichzeitig gegenseitig an oder „singen" zusammen. Natürlich gehorchen auch ihre Zungen den Gesetzen der Biochemie und mit nachlassender Artikulationsfähigkeit wächst direkt proportional die Lautstärke – ein Teufelskreis.
Im Abteil wird nahezu ununterbrochen geraucht, freundlicherweise hat jemand ein Fenster geöffnet und sorgt so neben der ständigen Zufuhr von Sauerstoff dafür, dass das Gefälle zwischen Außen- und Innentemperatur nicht zu groß wird. Abgerundet wird das perfekte Reisefeeling durch zugefrorene Toiletten, was aber nicht so schlimm ist, schließlich sind da noch die Handwaschbecken, erfahren wir, während wir atemlos unseren Abteilnachbarn lauschen. Aber wir haben es immer noch vergleichsweise günstig getroffen, wenigstens hat hier keiner die Möglichkeit, beim Tanz auf dem Tisch die Fußballverletztenstatistik um ein Bockwurstopfer zu erweitern, wie es leider in der Partyzone passiert – gute Besserung!
Weitere Vorfälle gibt es unterwegs nicht mehr und so erreichen wir den Bochumer Hauptbahnhof gegen 12 Uhr, also mit etwa 30 Minuten Verspätung. Bis zum Anstoß sind noch 90 Minuten, genügend Zeit, um pünktlich im Block zu stehen – normalerweise. Aber was ist schon normal wenn mehr als 1000 Fans (es gesellten sich zwangsweise noch etliche Fans dazu, die mit Regelzügen angereist waren und von der Polizei am Hauptbahnhof bis zur Ankunft des Sonderzuges festgehalten wurden) mit einem Schlag Einlass begehren? Ausgerüstet mit der Erfahrung zahlreicher Massenankünfte dieser Art (zuletzt erst im Sommer in Dresden) reihen wir uns beim Marsch zum Stadion gleich am Ende des Zuges ein – eine richtige Entscheidung, wie wir bald feststellen, als uns erste Pfefferspray-Geschädigte entgegen kommen. Was genau sich unterwegs an der Spitze des Zuges und außerhalb abspielt, ist aus unserer Perspektive nicht zu erkennen, die den Zug begleitenden Polizeieinheiten rennen jedenfalls immer wieder hektisch nach vorn und wieder zurück oder wechseln die Seiten. Dennoch bleibt es in unserer unmittelbaren Umgebung relativ entspannt.
Das ändert sich dann beim Eintreffen am Stadion. Eine unübersichtliche Menschenmenge drängt von allen Seiten auf einen einzigen schmalen Durchgang. In der Luft liegt erneut der Duft ranzigen Pfeffers. Wie wir später erfahren, hatte eine Gruppe von Fans versucht, den Eingang zu überrennen. Eine maßlos dämliche Aktion, die darüber hinaus nicht das Geringste mit Fankultur, Emotionen oder berechtigtem Protest gegen übersteigerte Sicherheitsfantasien gewisser Landespolitiker zu tun hat, vom viel beschworenen Zusammenhalt innerhalb der Szene ganz zu schweigen. Wer bei so einer Aktion zwischen die „Fronten" gerät, wenn aus allen Richtungen geschoben und gedrückt wird, chemische Substanzen durch die Gegend fliegen und über den Köpfen die Holzknüppel kreisen, hat keine Chance, sich dem zu entziehen, und wird von den Gewaltgeilen auf beiden Seiten nur als unfreiwillige Masturbationsvorlage benötigt. Ist das der geeignete Weg, bei den „normalen Fans" Verständnis und Unterstützung für die Ziele und Daseinsformen der „aktiven Szene" zu erreichen?
Auch nachdem sich die Lage etwas beruhigt hat, bleibt die Situation am Einlass angespannt, während die Anstoßzeit immer näher rückt. Aus dem Stadioninneren wabern schon die berüchtigten Grönemeyer-Klänge herüber, und wir stehen immer noch draußen. Ein sichtlich genervter Ordner beantwortet den Vorwurf schlechter Organisation mit der Frage, was man denn machen solle, wenn so viele Leute auf einmal ins Stadion wollen. Ganz ehrlich – wenn das einer in Sandhausen oder, um in der Liga zu bleiben, meinetwegen Ingolstadt sagt, lasse ich mir das ja gefallen, aber in Bochum, wo es vor nicht allzu langer Zeit noch Spiele gegen Vereine gab, deren Gästemob mit der Straßenbahn anreisen konnte?! Abgesehen davon – so sehr überraschend sollte die Information über die Massenanreise per Sonderzug ja nun auch nicht in Bochum eingegangen sein.
Ich selbst habe Glück und bin praktisch mit dem Anpfiff im Stadion, das für mich nach wie vor zu den schönsten im deutschen Profifußball zählt. Unter den 13000 Zuschauern sind am Ende etwa 2000 Hansafans. Aus aktuellem Anlass gibt es derzeit keinen organisierten Support, so dass der Gästeblock nicht mal ansatzweise an den grandiosen Auftritt beim letzten Aufeinandertreffen an gleicher Stelle (2008, Hansa hatte das bislang letzte Erstligaspiel 2:1 gewonnen) anknüpfen kann. Phasenweise wird es auch mal etwas lauter und wenn alle mitziehen, kann man ahnen, was an diesem Tag möglich wäre. Dazu müsste die Mannschaft in die Capo-Rolle schlüpfen, was in der ersten Halbzeit – nun ja – völlig in die Hose geht. Trauriger Höhepunkt des Elends ist die 42. Minute, als Marek Mintal einen, sagen wir diskussionswürdigen Handelfmeter vollstreckt, indem er den Torwart, der mit einem Schuss auf das Tor rechnet, umsonst in die richtige Ecke fliegen lässt. Diese Szene setzt den Punkt auf das I in bescheidene Darbietung der gesamten Mannschaft. Trainer Wolf wird später in der Pressekonferenz von „höflichen Gästen, die keine Geschenke annehmen" sprechen. Ist das schon Galgenhumor? Ich lache dann vielleicht später.
Noch in der ersten Halbzeit wird Kevin Pannewitz zum Erwärmen vor den Gästeblock geschickt, wo er begeistert begrüßt wird. Glücklicherweise stimmt er selbst nicht in das Lied vom Bacio-Man ein, das ihm entgegen klingt. Da hat die mehrmonatige Pause ja schon mal ein positives Ergebnis gehabt. Mit Beginn der 2. Halbzeit nimmt Panne dann seinen angestammten Platz im defensiven Mittelfeld ein und – man mag es nicht glauben – gibt dieser Mannschaft tatsächlich so etwas wie Rückgrat. Endlich landen die Bälle nach gewonnenen Zweikämpfen nicht sofort wieder beim Gegner, man hat das Gefühl, dass im Spiel aus der Abwehr heraus wieder Ideen stecken. Natürlich hat auch Panne noch jede Menge Luft nach oben, aber ich bin wirklich froh, dass er wieder dabei ist. Wenn er es im weiteren Saisonverlauf schafft, sich ausschließlich auf den Sport zu konzentrieren, kann Kevin Pannewitz eine entscheidende Personalie dieser Saison werden, so weit lehne ich mich mal aus dem Fenster.
Überhaupt haben mir in einer verbesserten Mannschaft im zweiten Spielabschnitt vor allem unsere jüngeren Spieler gut gefallen. Nicht zufällig fällt der zwischenzeitliche Ausgleich durch Borg nach einer couragierten Vorbereitung durch Tom Weilandt, der für viel Belebung sorgt. Und wirklich beeindrucken kann mich Edisson Jordanov, der mit einer starken Leistung den Trainer für seinen Mut, einen A-Jugendlichen ins kalte Wasser zu werfen, belohnt.
Nichtsdestotrotz bleibt unterm Strich eine weitere Niederlage und aufgrund der weiteren Ergebnisse des Spieltages der letzte Tabellenplatz. Eine deprimierende Situation, aber jetzt zitiere ich noch einmal Wolfgang Wolf, der vor dem Spiel schon sagte, dass er den Spielern verboten hat, auf die Tabelle zu schauen: „Da wird man ja blind." Und das sollten wir jetzt vielleicht wirklich tun.
Nach dem Spiel geht es mit Polizeibegleitung zum Bahnhof zurück. Die Polizei setzt dabei am Ende des Zuges ein interessantes Konzept der Fantrennung um: Jeden reinlassen und keinen raus. So kommt es bald zu mehr oder weniger vorsichtigen Annäherungen zwischen Fans beider Vereine, wo sich die Beamten immer wieder als Moderator zur Verfügung stellen müssen. Kann man so machen, muss man sicher nicht.
Am Bahnhof eingetroffen, gibt es die nächste gute Nachricht – der Zug verspätet sich in seiner Bereitstellung, die Rückfahrt wird mit einer knappen Stunde Verzögerung starten. Da inzwischen auch der kleine Hunger sein Recht fordert, gehe ich mit Basti auf Nahrungssuche. Ich finde einen kleinen Pizzaladen in der Bahnhofshalle, aber Basti will lieber etwas Ordentliches und steuert dem Ausgang entgegen. Dazu muss er durch die Polizeikette hindurch. Der Beamte mustert den in Zivil gekleideten jungen Mann argwöhnisch und fragt: „Sind Sie aus Bochum?" Bastis Antwort „Klar!" dauert eine Zehntelsekunde zu lange, um überzeugend zu wirken, also legt der Herr in Schwarz nach: „Welche Straße?" Gut gekontert, Staatsdiener, aber du spielst hier gegen Basti, das ist Erste Liga: „Anne Castroper!" kommt, wie aus der Pistole geschossen. Touché, wenigstens dieser Punkt geht heute nach Mecklenburg, hömma! Und Basti kriegt sogar sein Bäckerbrötchen.
Irgendwann kommt der Zug dann doch noch, bis Schwerin wird es gelingen, weitere 30 Minuten Verspätung herauszuholen, was inzwischen aber auch niemanden mehr juckt. Wenigstens funktionieren jetzt die Toiletten, was sich angesichts der Probleme, die einzelne Mitreisende mit der Beherrschung ihrer Speiseröhre haben, als Glücksfall erweist. Spätabends, gegen 22:30 Uhr erreichen wir den Ausgangspunkt der Reise, wo es immer noch (oder wieder) genauso kalt wie am frühen Morgen ist. Was für ein Scheißtag.
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