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Unser FC Hansa hat mal wieder eine Bombe platzen lassen. Auswärtskarten gibt es ab sofort nur noch personalisiert, beim Einlass ist der Personalausweis vorzuzeigen, Gästekassen am Spielort für Kurzentschlossene werden nicht geöffnet. So weit – so schlecht.
Schnellschüsse dieser Art werfen meist mehr Fragen auf, als sie Antworten bereithalten:
Jeder einzelne Stadionbesucher wird namentlich erfasst, die Namen der Kartenbesteller werden mit obskuren „vereinsinternen Listen" abgeglichen (Stadionverbote, Hausverbote und ähnliches). Was, bitte schön ist denn „ähnliches"? Punkte in Flensburg? Abmahnungen des Arbeitgebers? Eine Fünf im letzten Diktat? Ich möchte schon ganz gern wissen, unter welchen Voraussetzungen meine Daten OHNE MEIN ZUTUN UND/ODER WISSEN in irgendwelchen Listen landen.
Was passiert mit den erfassten Daten? Werden diese nach Lust und Laune für polizeiliche Ermittlungen oder „präventive" Sanktionen verwendet? Wird schon an der Verknüpfung mit der Gesichtsscanner-Datenbank gearbeitet, über die der Landesinnenminister ganz offen und von Vereinsseite unwidersprochen herum schwadronieren darf?
Und wer hatte eigentlich die Schnapsidee mit den Gästekassen? Was sagen die Heimvereine dazu? Wie werden die es finden, wenn hunderte Hanseaten munter und fröhlich in den Heimbereichen ihr Team anfeuern?
Über all dem schwebt die für mich grundlegende Frage – welches Ziel verfolgt man damit? Oder ganz volkstümlich:
WAS SOLL DIE SCHEISSE?!
Wie man der heutigen Tagespresse entnehmen kann, fand im Landtags-Innenausschuss eine Anhörung des Hansa-Vorstandes zu den Vorfällen beim Spiel gegen den FC St. Pauli statt. Interessanterweise gab es dazu kaum vorherige Ankündigungen, jedenfalls keine mit den üblichen Balkenüberschriften, was insofern seltsam anmutet, da doch unsere gewählten Volksvertreter sonst keine Gelegenheit auslassen, um sich im Lichte, aber auch im Schatten des FC Hansa medienwirksam zu präsentieren, man denke hier nur an die anrührenden öffentlichen Bekenntnisse der Rostocker Kommunalpolitik, um ein Zugrundegehen des Vereins ausgerechnet im Wahljahr zu verhindern.
Bei der Anhörung wurden durch den Verein offenbar die bereits erwähnten Regelungen zum Auswärtskartenerwerb als Teil eines Gesamtpaketes zur Domestizierung der Hansa-Fanszene präsentiert. Weitere Bestandteile dieses Konzeptes sind wohl die Schließung der Südtribüne, der Einsatz von Sprengstoffsuchhunden als Maßnahmen zur Befriedung des Stadionumfeldes an Spieltagen, aber auch Präventions-Projekte in Schulen.
Wie schon erwähnt, muss man Informationen zu den Ergebnissen dieser „Anhörung" mit der Lupe suchen, was man findet, lässt einem den Atem gefrieren:
„Privilegierte Partnerschaft mit Ultras gescheitert"(OZ)
Gleiche Rechte für „friedliche Fans" und Ultras – Ultras sind also grundsätzlich und in ihrer Gesamtheit nicht „friedlich", Herr Dachner? Und wo haben Sie eigentlich das mit den vergünstigten Eintrittspreisen für Ultras her? Vom Kartenkauf für den eigenen Stadionbesuch sicher nicht, ich vermute eher, da hat ein Referent schlampig recherchiert. Wenn Sie schon „die" Ultras und die, die sich dafür halten, undifferenziert in einen Topf werfen, kann ich nur empfehlen, sich mal durch die Berichte über den bundesweiten Fankongress am vergangenen Wochenende zu lesen, Sie werden erstaunt sein.
„Hansa will eine Million für Sicherheit zahlen" (OZ)
Mehr als 900.000 Euro sollen also ausgegeben werden. Sind das auch bilanzielle Rückstellungen oder wo kommt denn dieses Geld plötzlich her – aus dem Innenministerium vielleicht? Und wie werden diese Mittel eingesetzt? Bekommen unsere Auswärtsgegner etwa eine Art „Schweigegeld" für die Schließung ihrer Gästekassen? Ist da die Anzahlung für die Gesichtsscanner am Stadioneingang schon enthalten?
Fragen über Fragen ...
Um es klarzustellen – die aktuelle Situation ist nicht vom Himmel gefallen, die Hansa-Fanszene hat – aktiv die einen, unterstützend, duldend oder wegschauend andere – mit wiederholten Vorfällen kräftig mit an dem Rad gedreht, das sich nun anscheinend nicht mehr stoppen lässt und, einem Mühlstein gleich, unausweichlich alles niederwalzt, was sich aus dem grauen Einheitsbrei zu erheben versucht. Dass sich der Verein, gerade unter dem massiven Druck aus der Politik, an deren finanziellem Tropf er hängt, zu Aktionen gegen die „Chaoten" genötigt sieht, ist bei objektiver Betrachtung ja auch nachvollziehbar.
Die Verantwortlichen beim FC Hansa haben sich aber nun bedauerlicherweise entschlossen, im Umgang mit der in Teilen nicht unproblematischen Hansa-Fanszene auf den ausschließlich restriktiven Kurs der Grabow-Ära zurück zu schalten – friss oder stirb! Das ist letztlich Wasser auf die Mühlen der Hardliner auf allen Seiten und wird lang- und kurzfristig die Situation nur verschärfen. Moderate Stimmen, die auf Ausgleich und Vermittlung setzen, werden es immer schwerer haben, sich Gehör zu verschaffen. Die so entstehenden „Kollerateralschäden" werden am Ende irreparabel sein. So weit darf es nicht kommen.
Die Fanszene sollte – bei allem verständlichen Ärger – jetzt nicht auf stur schalten, sondern weiter den Dialog mit dem Verein suchen. Die Möglichkeiten dazu – Fanbeauftragter, Aufsichtsrat – sind (noch) gegeben. Und eines sollte auch nicht vergessen werden: Vor unserer Mannschaft liegt eine überaus schwere Rückrunde in der 2. Liga, der Klassenerhalt ist nach wie vor möglich. Wir sollten jetzt alles daran setzen, das Team dabei mit allen Kräften zu unterstützen – mit buntem und lautstarkem Support und zwar bedingungslos und in des Wortes wahrer Bedeutung. Das wäre das deutlichste Signal guten Willens.
Der Hansa-Vorstand wäre gut beraten, die getroffenen Festlegungen zu überdenken und als erstes zumindest die Gästekassen-Regelung, den für mich am wenigsten nachvollziehbaren Teil des „Paketes", wenigstens zu entschärfen. Danach muss wieder miteinander gesprochen werden und nicht übereinander.
Hansa!!
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