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Auf ausdrücklichen Wunsch eines älteren Herren ;-) hier noch ein Rückblick auf das vorvergangene Wochenende (nach Aue)... in Praha.
Jenes begann früh um 6.00 irgendwo im Dresdner Süden. Oder hätte beginnen sollen, denn meine Mitfahrgelegenheit verspätete sich um gute 30min. Gerade, als ich die Alternative Bahn zu meiner Zufriedenheit ausgelotet hatte, bog der Fahrer um die Ecke. Und so ging es in einem uralten Transporter – unsäglicherweise unter Zuhilfenahme von Atzenmusik – in die Goldene Stadt. Aber wir waren ja nicht zum Spaß hier.
In Ermangelung jedweder Ortskenntnis warf mich der Fahrer einfach an irgendeinem Fleck, der uns zentrumsnah erschien, raus. Volltreffer, ich befand mich direkt über dem Hbf. Und per Metro ging es auf zum ersten Kick:
01.10.2011 / 10:15 --- FK Bohemians Praha - FK Fotbal Třinec 1:2 (0:1) 
510 Zuschauer wollten diesen Zweitliga-Klassiker im Stadion Prosek zur frühen Morgenstunde sehen. Der Sportplatz konnte erst nach einigen Schwierigkeiten gefunden werden, denn in den Außenbezirken sind Straßenschilder vollkommen überbewertet und fehlen daher einfach mal komplett. Prag 10 ist landschaftlich in etwa mit Groß Klein vergleichbar, so daß sich auch hier wenig Orientierung bot. Na wenn das kein Start ist! Nach der Befragung von etwa 732 Passanten bekam man dann doch einen Stups in die richtige Richtung und stand 5min später vor dem Spielort. Geht doch. Allerdings kostete der Spaß 50 CZK, ganz schön teuer. Das Stadion überzeugte dafür mit einer schönen Haupttribüne und ein paar Sitzschalen auf der gegenüberliegenden Längsseite.

 Bezeichnenderweise lief mir, kaum drei Minuten vor Ort, der erste Hanseat über den Weg. Irgendwie sowas war ja vollkommen klar, Rostocker sind eben doch überall. Unter den Zuschauern waren auch etwa 20 Anhänger der Gäste. Den Heimsupport übernahm eine Gruppe Trompeter. Das hat mit Fuß, das hat mit Ball... aber lustig anzuhören war es dennoch, stellenweise konnte man sich ein Lachen nicht verkneifen. Besonders der Jingle zu den Standardsituationen hatte es mir angetan. Scheiß auf Tore, ich wollte nur Ecken und Freistöße.
Das spielerische Niveau war nicht berauschend. Třinec gefiel mir insgesamt besser, der Sieg war so in Ordnung.
Nach der Partie ging es für mich erst einmal zum Check-in in die Herberge, mitten in der Stadt und für 13€ mit Frühstück auch preislich angenehm. Du liebe Zeit, die Rezeptionistin konnte sich nach einer Woche Abwesenheit noch an meinen Namen erinnern. War das jetzt gut oder schlecht? So recht konnte (oder wollte) sie mir diese Frage nicht beantworten...
Also Mittagspause gemacht und anschließend ab zum Topspiel der vierten Liga...
01.10.2011 / 16.00 --- FK Motorlet – SK Viktorie Jirny 2:1 (2:0) 
Bäh, hier hatte ich mir mit der Wegbeschreibung via G***le maps selbst ein Bein gestellt. Mein „Ziel" war nicht der Fußballplatz, sondern der vereinszugehörige Sportkomplex mit so spannenden Sachen wie Turnhalle und Tennisplätzen ein paar Kilometer weiter. Zum Glück hatte ich für genau solche Kapriolen genügend Zeit eingeplant. Die war auch vonnöten. Mein Tschechisch war eben doch noch ausbaufähig, und wenn das um Hilfe gebetene Gegenüber in fließender Muttersprache antwortete, half mir das nicht ad hoc weiter. Kaum fünf Minuten vor dem Anstoß erreichte ich das tolle Hřiště SK Motorlet UMT. Hinter einem Tor fanden sich zehn herrlich windschiefe Stufen, außerdem gab es eine große überdachte Tribüne mit Steinstufen, einer Handvoll Holzbänken und ein paar Sitzschalen.


Im Spiel selbst ging Motorlet vor 100 Zuschauern nach wenigen Sekunden in Führung. Jirny vergab noch einen Elfer. Wenn sowas das Spitzenspiel ist, ist der Abstiegskampf nur etwas für die ganz Harten.
Ich verlegte mich auf Fotomobbing und versuchte, Gästestürmer Marek Kincl einzufangen. Der, hüstel, etwas adipös veranlagte Herr hatte den Bewegungsradius eines Bierdeckels, aber wenn der Ball dann mal in seiner Nähe vorbeirollte, konnte er durchaus damit umgehen. Mit seinem Krafteinsatz dürfe es auch mit 65 noch kein Problem darstellen, auf diesem Niveau zu kicken. Viel Glück dabei. Hätte er mich bei meinem Tun erwischt oder gar die Intension dahinter erkannt, er hätte mich wahrscheinlich gefressen. Ohne zu kauen. Nach dem Spiel ging es fix weiter an die legendäre Seifertova trida.
01.10.2011 / 19.30 --- Viktoria Žižkov – Bohemians 1905 0:1 (0:0)
Okay, hier war ich vor Jahren schon einmal. Und wäre ich nicht so spitz auf den Sportplatz von Motorlet gewesen, wäre ich vermutlich nach Pribram gedüst, wo sich am späten Nachmittag Sparta die Ehre gab. Falls sowas wie Ehre bei Sparta überhaupt technisch machbar ist. Zum Glück entschied ich mich anders.
Nach den falschen heute morgen gab es nun also die echten Bohemians. Alter Schwede, die waren hier mit mindestens 1.500 Leuten angetreten und machten richtig Rabatz. Prager Duell hin oder her, damit hatte ich nie im Leben gerechnet. Auch die Gegentribüne war fest in grünweißer Hand. I was impressed. Insgesamt waren 4.380 Leute anwesend. Auf der Heimseite hielten etwa 50 Mann die Stellung und ließen sich auch von der bohemischen Übermacht nicht bremsen. Stellenweise klappte sogar ein Wechselgesang.


Wie scheinbar immer bei der Viktorka gab es viel zu lachen. Es war schon putzig, welcherlei Gestalten hier herumliefen. Einer richtete sich im Laufen seine Hose, während er mit der zweiten Hand etwa 17 Bier transportierte... der nächste wirkte geistig vollkommen deplaziert und irrte, neblig dreinblickend, von links nach rechts nach links und zurück... damn, you gotta quit smokin all this weed. Oh, und die 17 Bier in der Hand waren vollkommen unnötig. Ausgesprochen hübsche junge Mädels brachten das Zeug direkt an den Mann oder die Frau. Eins der Mädchen erfreute sich bei einem stiernackigen Mittvierziger bald besonderer Beliebtheit und durfte sich bei jedem Gang ein paar (vermutlich saudämliche) Sprüche anhören.
Das Spiel selbst rockte. Ehrlich. Es hätte auch 5:8 ausgehen können – unfaßbar, was die beiden Mannschaften an Chancen liegenließen. Selbst knipsende hanseatische Fußballgötter wie Rade P. hätten sich mit Grausen abgewendet. 10 Minuten vor Schluß fiel dann endlich der mehr als verdiente Siegtreffer. Ein wenig Rauch gabs auch, allerdings sehr unkoordiniert und somit bestenfalls effektneutral.
Der Abend endete mit einer treckerreifengroßen Pizza zum Spottpreis. Langsam gefiel mir dieses Praha richtig gut.
Uuund ab in die Falle.
Uuund wieder raus. Gefrühstückt und per Metro auf zu neuen Schandtaten.
02.10.2011 / 10.15 --- Slavoj Vyšehrad – Sokol Brozany 2:0 (1:0)
Es gab nämlich gleich das nächste Viertliga-Spitzenspiel. Der Jungspund an der Kasse des Stadion Slavoj Vyšehrad war mental wohl noch in seinem Schlafgemach angesiedelt.
Das Programmheft sollte ihm zufolge gleichzeitig als Karte fungieren. Dabei lag nebendran ein ganzer Stapel Karten. Und die im „Fankatalog" angepriesenen Pins seien aus, wurden aber Minuten später von einer Dame mittleren Alters feilgeboten. Sei's drum, solange ich schlußendlich habe, was ich will...
Unter den 70 Zuschauern waren bestimmt 20 deutsche Verirrte. Hatte man denn nirgends seine Ruhe? Der Platz selbst war eine Plasteperle mit einer kleinen elektronischen Anzeigetafel.
Immerhin trug das Teil den stolzen Namen „AMEX Arena". Ja, nee, is klar, in der Bevölkerung sprach man sicher vom Estadio San Améx. Gespielt wurde auch, nicht besonders gut, aber okay. Support gab es keinen, sieht man mal von höflichem Applaus bei den Toren ab. Ein selten dämlicher Elfer kurz vor der Pause brach den Bann, nach einer Stunde war dann der Deckel drauf. Erwähnenswert allenfalls noch der Stadionsprecher – erstens ob des spärlichen Beinkleids ein optischer Hin- oder besser Weggucker, zweitens fühlte er sich während der Partie ab und an berufen, einfach mal ein paar Anfeuerungsrufe über das Mikro zu verbreiten. Ob Gästetrainer Jiří Němec wirklich der Jiří Němec war, Ihr wißt schon, Eurofighter und so, konnte nicht ausgemacht werden.
Entgegen der sonstigen Gewohnheit brach ich kurz vor dem Schlußpfiff auf, um rechtzeitig am Ort des Geschehens, also des nächsten Kicks zu sein. Zwar spielte Slavia am Nachmittag zuhause gegen Sigma Olomouc, aber mein Begehr war ein Anderes. Erst steigen wir ab, dann steigen wir wieder ab...
02.10.2011 / 13.00 --- PSK Olymp Praha – FK Sokol Repy B 2:4 (0:3) 
Diese blöden Zweitvertretungen! Dafür interessierte sich auch in Prag kein Schwein! Keine Fans, keine Stimmung, keine Einnahmen... die sollen bloß in einer eigenen Liga spielen. Okay, wieder ernsthaft. 2.třída skupina A – wie jeder weiß, ist das die achte tschechische Liga. Und hätte der Straßenbahnfahrer nicht getrödelt und einen Schnack mit einem Kollegen für wichtiger befunden als seine Arbeit, und hätte der Schiedsrichter nicht ausnahmsweise pünktlich angepfiffen, wäre ich nicht erst zur dritten Minute ins absolut geile Stadion Marketa gelangt.
 
10.000 paßten in dieses Teil, so daß ich mir einen der 9.988 verbliebenen Plätze aussuchen durfte. Eine urige Speedway-Schüssel, die allein schon größeres Interesse wert wäre als das von (na, wer hat mitgerechnet?) 13 Verrückten.
Daß hier dennoch eine gerade eben zweistellige Besucherzahl verzeichnet werden konnte, mochte eventuell am Sportlichen gelegen haben. Repys Zweitvertretung fuhr mit den Gastgebern trotz hochsommerlicher Temperaturen ordentlich Schlitten und hatte nach einer halben Stunde die Felder abgesteckt. Der Rest des Kicks wurde so eben heruntergespielt, wodurch der PSK schlußendlich noch zu etwas Ergebniskosmetik kam. Und wieder Fotomobbing – diesmal gegen den Gästetrainer. Der hätte sich seine Beine nur grau anmalen müssen und wäre problemlos als indisches Rüsseltier durchgegangen. Vorbildfunktion, anyone? Okay, bevor sich jemand beschwert, das war nicht ganz ernst gemeint.
Tickettechnisch war das Ganze übrigens ein Reinfall. Das Kassenhaus war offen und besetzt, doch selbst auf Nachfrage gab es keine Antwort. Wer nicht will, der hat schon :-)
Und auf zum letzten Akt, einmal quer durch die Stadt. Es war wirklich völlig egal, welches der Nachmittagsspiele man zum Abschluß des Ausflugs wählte – 50 Minuten Anreise waren Minimum. Und so stieg ich koryphäenartig wieder in die sechste Liga auf.
02.10.2011 / 16.00 --- TJ Junior Praha – TJ Čechie Dubeč 1:3 (1:2) 
Fotbalové hřiště V úžlabině. Fußballplatz. Jawollstens, endlich hörte dieser Arenascheiß auf. Junior Praha trug seine Spiele tatsächlich offiziell auf dem „Fußballplatz" aus. Dabei handelte es sich um einen sehr, sehr, wirklich sehr kleinen Kunstrasen, der meines Erachtens nach die Mindestmaße noch verfehlte.

 Hier ging es im wahrsten Wortsinn familiär zu. Zuerst hingen die Trikots der Zweitvertretung auf der Leine, später dann die Hosen... und noch etwas später fand sich kurz hinter der Grundlinie eine Unnerbux. Oh, und dort, wo sich bei höherklassigen Teams auf den Trikots der Spielername findet, steht bei Junior eine Telefonnummer. Ruf an!
Der für 16.00 geplante Anstoß verzögerte sich wegen irgendwas um knapp 15 Minuten, gestört hat es keinen der 20 Anwesenden. Hätte ich gewußt, daß Spielzeiten hier nur freundliche Empfehlungen sind, hätte ich meinen Zeitplan insgesamt nicht so auf Kante genäht.
Es folgte ein munterer Kick bei Kaffeekranzatmosphäre.
Obwohl, oder gerade weil dieser Sportplatz über so gar nichts verfügte (von der Wäscheleine und ein paar Gartenbänken mal abgesehen), fühlte ich mich hier pudelwohl. Dubeč agierte insgesamt abgeklärter und gewann verdient.
Und wie rundet man so einen Tag ab? Na so, wie es sich gehört... auf dem Berg an der Moldau, kaum einen Steinwurf vom Metronom entfernt. Hier ließ es sich aushalten – und da waren sie wieder, die Gedanken an meinen allerersten Besuch hier, und damit an einen sehr speziellen Abend. Manchmal ist Fußball eben doch nicht alles...
Tags darauf wurde groß eingekauft. Nein, keine Klamotten. Schokolade. Die tschechische Wirtschaft wurde gut gestützt, und ob der erworbenen Mengen mußte man sich seitens der Auftraggeberin noch ein „Du bist echt auch ein bißchen verrückt" an den Kopf werfen lassen. Harr. Würde sie mich länger kennen, hätte sie nur müde gelächelt.
So stand ich um Punkt 14.00 wieder am Ausgangspunkt des Wochenendes – dem hlavni nadrazi, von wo aus dankenswerterweise eine Mitfahrgelegenheit direkt nach Hamburg wartete. Zum krönenden Abschluß war die Autobahn streckenweise gesperrt, und man kämpfte sich seinen Weg über Liberec (?!) nach Deutschl... ähm. Nach Sachsen. Und dann weiter nach Deutschland. Noch vor Mitternacht wurde ich am Horner Kreisel in die Freiheit entlassen.
Was ein geniales Wochenende. Praha hat nun auf jeden Fall einen Fan mehr...
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