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Ja, so sind sie in der Hauptstadt. Immer nur vom größten und besten. Und so wird ein lumpiges Testspiel gleich mal zum "Summer of Champions". Stellt sich spontan die Frage, was Hertha bei einer solchen Veranstaltung soll. Bei näherem Hinsehen ist auch die Teilnahme von Real Madrid zumindest fragwürdig, denn ob der Gewinn der Copa del Rey, also des spanischen Pokals jemanden schon zum Champion macht, kann man sehr unterschiedlich sehen.
Aber wenn es in Berlin schonmal großen Fußball gibt, kann man sich das ja mal anschauen. So wohnte ich gestern der Generalprobe der Hertha für den Bundesligastart bei. Meinen Platz hatte ich natürlich im Gästebereich, wohin sich aber leider auch einiges Hertha-Volk verirrt hatte. irgendwie süß waren aber vor allem die, die offensichtlich zum ersten Mal ein Fussballspiel besuchten. In der Schlange vor dem Einlass stand ein älteres Pärchen hinter mir. Die Tore waren noch geschlossen, das konnte jeder sehen, schliesslich sind die Dinger etwa 2,50m hoch. Trotzdem stiefelte Omi erstmal nach vorn, um die Lage zu sondieren. Nach einigen Minuten kehrte sie zurück und es begann folgender Dialog: Omi: "Es ist noch gar nicht offen." Opi: "Wann machen sie denn auf?" Omi: "Stand nix dran." Opi: "Haste nicht gefragt?" Omi "Da war keiner." Nunja, hinter den Toren standen pro Durchlass etwa 3 Ordner in leuchtend orangen Westen. Kann man aber schonmal übersehen. Das an so einem Stadion aber auch keine Öffnungszeiten dranstehen, ist bestimmt nicht rechtens!
Einige Minuten später verkündete Opi, dass er seine 0,5l-PET-Flasche bestimmt nicht mit reinnehmen dürfe, er hätte da was gelesen. Das war übrigens völlig korrekt, denn seit dieser Saison darf man bei Hertha nur noch TetraPaks mit Getränken mitbringen. Ob man mit einem 1-Liter-TetraPak-Aldi-Weisswein schlechter werfen kann als mit 0,5-Liter-Wasser-Flaschen, ist nicht bekannt. Jedenfalls beriet man sich hinter mir noch, ob man die Flasche vielleicht in der Hosentasche reinschmuggeln könne, was Opi aber mit dem Hinweis kommentierte, dass man ja durchsucht wird. Ich weiss nicht, was mit der anschliessenden Bemerkung "Wenn Wowereit mich durchsuchen würde, würde ich mir vier Flaschen in die Taschen stecken" gemeint war, rückte aber instinktiv einige Zentimeter weiter nach vorn.
Irgendwann öffneten sich dann auch die Schleusen ins Olympiastadion, begleitet von der Durchsage, man möge doch bitte frühzeitig das Stadion betreten - wenige Sekunden nach dessen Öffnung und gerichtet an die langen Schlangen vor den Eingängen. Anschliessend sollte die Durchsage noch in englisch folgen, da diese aber dermaßen gestottert wurde, dass sie dreimal so lange dauerte, konnte ich das Ende nicht mehr miterleben. Hier hat die Weltstadt Berlin noch Potenzial...
Die Verpflegung im Olympiastadion ist nach wie vor überteuert. Wie es sich für ein Theater-, Opern- bzw. Kinopublikum gehört, gibt es aber Popcorn und 15 Minuten vor dem Anpfiff wird man gebeten, sich doch jetzt zu seinem Platz zu begeben. Eigentlich fehlt nur der "Gong" zu Vorstellungsbeginn.
Real trat mit dem ersten Ensemble an und zeigte den üblichen spanischen Fussball: Pässe, Pässe, Pässe und jede Menge Ballbesitz. Hertha schaute interessiert zu. So verging die erste Viertelstunde ohne Höhepunkte. Nach 18 Minuten ging Hertha überaschend wie unverdient in Führung, der Torschütze, Patrick Ebert, war überhaupt der einzige auffällige Herthaner, in erster Linie fiel er aber durch Fouls auf. Passte irgendwie nicht ins Bild und hätte Schiri Gräfe nicht besonders gute Laune gehabt, wäre Ebert Ende der ersten Halbzeit mit GelbRot vom Platz geflogen. Reife Leistung in einer absolut fairen Partie. Zu diesem Zeitpunkt führte Madrid aber bereits und liess ein ums andere Mal seine Klasse aufblitzen. Das schnelle Kurzpassspiel liess die Berliner immer wieder staunend dem Ball hinterherschauen. Cristiano Ronaldo wurde zwar vom fachkundigen Publikum weitgehend ausgepfiffen, erzielte aber trotzdem mit einem schicken Freistoss den Ausgleich. Man muss ihn ja nicht mögen, aber Fussball spielen kann er nunmal. Und wenn man 90 Minuten eigentlich nur ein gewissen Grundrauschen aus persönlichen Gesprächen von gut 70.000 Leuten hört, das nur ab und an durch ein Raunen nach einer sehenswerten Real-Kombination unterbrochen wird, dann sollte das Auspfeifen eines einzelnen gegnerischen Spielers nicht das einzige wirklich vernehmbare aus dem "Fanblock" sein, zumal "CR7" den Hertha-Fans mangels Gelegenheit auch nix getan hat.
Benzema hatte sich mit zwei Schüssen dem Tor immer mehr genähert, der dritte saß - 1:2. Auch der vierte Schuss war drin, nur eine Minute nach der Pause bereitete der eingewechselte Khedira das 1:3 schick vor. Danach plätscherte das Spiel so dahin, nach einer Stunde wechselten beide Teams weitgehend durch. Real tat nix mehr, Hertha bemühte sich, auch mal das gegnerische Tor aus der Nähe zu sehen, wurde aber deutlich darauf hingewiesen, dass sie im Konzert der großen Jungs nichts zu suchen haben. Und so blieb die Phase "Will nicht mehr" gegen "Kann nicht mehr" weitgehend ereignislos.
Fazit: Das Olympiastadion sieht nur im Dunkeln gut aus, das Publikum hat mit Fussball nichts zu tun, Real kann Fussball spielen und Hertha nicht. Letztere wissen das offensichtlich nur noch nicht.
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